Publiziert im Newsletter der VCU Aargau/Solothurn. Ausgabe Dezember 2015

 

Alice Liechti-Wagner:

Vereinbarkeit Beruf und Familie

 

Die Wirtschaft braucht Fachkräfte, Arbeitsstellen wandeln sich im Schnellzugstempo und vertragen keine Absenz, gut Gebildete wollen ihr Wissen anwenden, sich weiter entwickeln, Alleinerziehende müssen zwangsläufig Einkommen generieren, Löhne im tieferen Segment verlangen Einkommen durch beide Elternteile.

Die gesellschaftlichen Veränderungen prägen die Familienkulturen. Für Eltern und Kinder ist es heutzutage nichts Ungewöhnliches, am Morgen in einer Kindertagesstätte willkommen geheissen zu werden. Die Eltern verabschieden ihr Kind und können sich ihrer Arbeit widmen. Dies lässt Freude und Begeisterung in diesem Lebensfeld zu und baut die Zufriedenheit der Mutter oder des Vaters auf. Die Kinder erleben Eltern, die auch ihren Lebensweg gehen, sich verändern, sich weiterbilden, Erfolg und Misserfolg zu bewältigen haben.

Die Kinder werden in einer Kindergruppe sozialisiert, finden Freunde, erleben Spiel- und Tischgemeinschaften. Sie beobachten, dass jedes Kind durch Eigenheiten geprägt ist und dies respektiert wird. Gesunde Ernährung, frische Luft, motorisches und sprachliches Training, intellektuelle und musische Angebote fördern das Kind ganzheitlich.

Dies alles bedingt eine fundierte pädagogische Begleitung, wesentliche Beziehungsarbeit. Darum können Kinder nicht einfach durch diese oder jene Person betreut werden. In professionellen Tagesstätten wird Wert darauf gelegt, dass ein Kind zusammen mit der Mutter und/oder dem Vater sich eingewöhnt, Besonderheiten bekannt sind (z.B. Familienkonstellation, Nuggi, Allergien etc.) und ein täglicher Austausch stattfindet, was das Kind erlebt hat. Diese Gespräche bilden die Brücke für das Kind, durch welche es sich getragen fühlt. Dies wiederum macht frei und offen für die Entwicklung.

Diese Professionalität ist nicht günstig. Personalkosten fallen an, pädagogisch wertvolles Material ist Pflicht, die Räumlichkeiten müssen innen und aussen stimmen (Garten). Auch wenn die Löhne sich an ehemaligen „Frauenlöhnen" messen, kann der Betreuungsbetrag erschrecken. Viele Gemeinden subventionieren jedoch ihre Tagesstätten mit im Wissen, dass jeder investierte Franken mehrfach (!!) via Steuergelder, weniger Sozialhilfe, weniger Gesundheitskosten etc. zurückfliesst. Das Angebot einer Kinderbetreuungsmöglichkeit ist heute ein Attraktivitätspunkt einer Gemeinde und bringt Steuerzahlende. Das ist zumindest in dichter besiedelten Gemeinden erkannt!

Aus meiner Sicht müsste sich auch jeder Arbeitgeber, jede Arbeitgeberin angemessen daran beteiligen. Mitarbeitende, die ihre Kinder gut und sicher betreut wissen, sind frei, ihr berufliches Potential zur Verfügung zu stellen. Erfahrene und motivierte Mitarbeitende stabilisieren die Firmen.

Die Nervosität der heutigen Zeit darf nicht unterschätzt werden. Der Anspruch an Freizeitaktivitäten bringt neben dem Beruf manches Familiensystem aus den Fugen. Deshalb sind private Freundschaften, Grosseltern, Nachbarn, Eltern von KollegInnen der Kinder eine Perle in der Organisation der Lebenssysteme. Wenn diese neben der Arbeitszeit beansprucht werden können, entlastet dies bei Krankheit oder wenn auch die Eltern mal etwas zusammen unternehmen wollen. Auch die Beziehungszeit der Eltern ist für das Kind schliesslich ein wichtiger Faktor im Leben. Gleichzeitig ist es enorm wichtig, dass Eltern das Mass an Freizeitaktivität eingrenzen und nicht aus Schuldgefühlen heraus sich und die Kinder „überfüttern". Kinder betreuen zu lassen ist heute Normalität und das Kind empfindet dies in seiner Natürlichkeit ebenso. Es kennt nichts anderes. Die Kindertagesstätten bieten viele Lernorte an, es muss nicht alles kompensiert werden.

Aus diesem System heraus ist es dann später für Kindergarten- und Schulkinder üblich, das Mittagessen mit seinen KlassenkollegInnen einzunehmen oder nach der Schule noch begleitet und betreut zu werden, bis die Eltern Feierabend haben.

Als Berufsfachfrau, Geschäftsleiterin von Betreuungsbetrieben und als Vorstandsmitglied der VCU Aargau/Solothurn plädiere ich dafür, dass die Eltern, die öffentliche Hand und die ArbeitgeberInnen gemeinsam Betreuungsmodelle finden und finanzieren. Es profitieren alle davon!

Alice Liechti-Wagner / 17.11.2015
Kontakt: This email address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it. · www.veb-aargau.ch

*********************************************************************************************************************************************************************************************************************************************************

Publiziert im Newsletter der VCU Aargau/Solothurn. Ausgabe Juli 2015

 

Alice Liechti-Wagner:


«Der Aargau soll endlich vorwärts machen!»


Tagesstrukturen sind begehrt und im Trend. Mehrheitlich Gemeinden, Firmen und private Institutionen haben bisher vielfältige Modelle entwickelt, um arbeitende Ehepaare im Sinne der familienergänzenden Kinderbetreuung zu entlasten. Immer mit dem Ziel, dass Mütter und Väter beruhigt auf eine fachlich einwandfreie Betreuung ihrer Kleinen zählen können. In Aarau ist der «Verein Erziehung und Bildung» (VEB) seit Jahren als Partner der Stadt Aarau auf diesem Gebiet tätig. An mehreren Standorten in Aarau selbst, aber auch in Wohlen sind heute 43 Mitarbeitende für über 200 Kinder verantwortlich, die 110 Betreuungsplätze belegen.


Das Budget verzeichnet aktuell 1,8 Mio. Franken Aufwand pro Jahr. Geschäftsführerin dieses KMU ist seit 2009 Alice Liechti-Wagner. Was sind die unternehmerischen Herausforderungen?

Nachstehend Fragen und Antworten.
«Personalien»: Alice, was hatte Dich seinerzeit bewogen, den Job anzunehmen?
Alice Liechti: Die kreativen Möglichkeiten, Kinder und Familien zu begleiten und zu unterstützen. Zudem reizte mich der Aufbau eines KMU.

Deine Stationen vorher?
Ursprünglich bin ich Kindergärtnerin. Als Familienfrau packte mich dann die politische Arbeit. Als Grossrätin, Gemeindeammann und anschliessend als Assistentin von Bundesrätin Doris Leuthard lernte ich die Politik auf allen Ebenen kennen und darin agieren.

Was ist das Angebot des VEB?
Der Verein Erziehung und Bildung ist ein sozial tätiger Verein und will Kinder, Jugendliche und Familien unterstützen. Unsere Hauptaufgabe besteht in der Verantwortung über zwei Schülerhorte, zwei Mittagstischangebote und zwei Kinderkrippen für Kleinkinder vom Säuglingsalter bis zum Kindergarten. Wir orientieren uns kantonal. Im Auftrag des Kantons Aargau leiten wir zudem seit bald fünf Jahren das Pilotprojekt der frühen Förderung von Kleinkindern. Hier weisen wir Eltern und Kinder im familiären Umfeld an und motivieren zu gemeinsamem Spiel und Sprachförderung. Erwiesenermassen haben solche Kinder weniger Schulprobleme.

Was sind die grössten unternehmerischen Herausforderungen?
Als Non-Profit-Unternehmen müssen wir sehr achtsam mit den Finanzen haushalten. Die Gemeinden subventionieren zwar die Betreuungsangebote. Durch unsere Ansprüche auf hohe Qualität der Betreuung fallen jedoch oft auch zusätzliche Kosten an, die wir durch Spenden ausgleichen.

Was freut Dich am meisten, was ärgert Dich zwischendurch?
Ich fühle mich gern verantwortlich für die unterdessen 43 Mitarbeitenden. Zufriedene Mitarbeitende sind motiviert und erfüllen den Betreuungs- und Förderauftrag fröhlicher, kreativer und konzentrierter. Zwischendurch bin ich erstaunt über die manchmal übersteigerte Anspruchsmentalität von Eltern und Mitarbeitenden.

Was ist Deine Vision der künftigen Tagesstrukturen, wie ist die Entwicklung in den letzten Jahren?
Meine Vision ist ein kantonales Netz an Tagesstrukturen. So profitieren alle von Optimierungen, schlanken Abläufen und dadurch tieferen Kostenansätzen. Die Kinderbetreuung ist finanziell anspruchsvoll für die Familien. Wer sich diese leistet, ist bestrebt, seine Kinder qualitativ hochstehend gefördert zu wissen. Grundsätzlich will ich einen Beitrag leisten zu gesund entwickelten und ausgebildeten Menschen, die zufrieden ihren Anteil an die Gesellschaft leisten können und im Gegenzug ein selbstbestimmtes Leben haben. Viele junge Familien streben dies zu Recht an und erwarten auch Betreuungsplätze.

Was ist Deine Bitte an die politischen Entscheidungsträger?
Der Kanton Aargau soll endlich vorwärts machen mit der gesetzlichen Grundlage zur familienergänzenden Kinderbetreuung. Wir schaden mit dem aktuellen Zustand dem Image des Kantons und nutzen die positive Ausstrahlung solcher Angebote zu wenig.